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ROCKY reloaded 6: Praxisorientierte Filmsoziologie

Praxisorientierte Filmsoziologie setzt an jenem Schnittpunkt an, an dem Filme eine Relevanz für alltägliches Handeln einnehmen. Sie ist ein wichtiger Bestandteil bezüglich der auch auf politischer Ebene geführten Diskurse über den Umgang von Gewalt darstellenden Medien.

 

Boxen ist ein Wettkampfsport, der reglementierte Gewalt und den Kampf zwischen zwei Opponenten in einem öffentlichen, massenmedial aufbereitetem Surrounding vorsieht und massive körperliche Verletzung duldet. Der Privatsender Pro 7 sendete beispielsweise „Das große Promi Boxen“. Zu sehen waren deutsche Prominente, die Boxkämpfe ohne Kopfschutz unter Aufsicht des Bund deutscher Berufsboxer absolvierten (Ausstrahlung am Samstag, 31.03.2012 um 20.15 Uhr). Die Prominenten bereiteten sich sechs Wochen zuvor gemeinsam mit Profiboxern auf diesen Kampf vor. Und dennoch wird diesem Sport auch die Fähigkeit des Anti-Aggressionstrainings zugesagt. Als Beispielprojekt sei das Projekt „Work and Box“ in Taufkirchen bei München genannt. Hier wird gezielt und erfolgreich mit Hilfe des Boxens psycho-soziale Hilfestellung für deviante Jugendliche geleistet (siehe: www.hand-in.de).

Underdog Rocky Balboa: Generationsübergreifende Vorbildfunktionen

Seit über 35 Jahren erboxt sich die Filmfigur Rocky Balboa immer wieder globale Aufmerksamkeit und belebt den Mythos vom Underdog, der sich durch sein Leben boxt. Doch wie und warum können die ROCKY-Filme generationsübergreifend Vorbildfunktionen einnehmen? Welche Rolle spielt der Filmheld Rocky für die Identitätsstiftung von Boxern? Aus welchen unterschiedlichen Perspektiven werden die Filme rezipiert und welche ästhetischen Erwartungen werden jeweils erfüllt? In Bezug auf die transnationale Bildproduktion wurde zurecht während des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie die Frage gestellt:

 

„Welche bildmedialen Darstellungen, welche Inszenierungs-, Präsentations- und Speicherformen des Visuellen erzeugen wie und warum globale Aufmerksamkeit, Erregung, Erinnerung und Mobilisierung, geben Anlass zu Kooperation, Konkurrenz und Konflikt, bewirken kulturübergreifende Deutungsbereitschaft, Verstehen und Intersubjektivität? Und dies, obgleich dieselben Bildmaterialien je nach Wissenshaushalt und Interessenlage sowie abhängig von Perspektive, Ideologie oder Ästhetik in verschiedenen regionalen Milieus und sozialen Kontexten durchaus unterschiedliche oder einander gar widersprechende Bedeutungszuschreibungen und Wirkungen auslösen können.“ (Deutsche Gesellschaft für Soziologie 2010, 49)

 

Im folgenden Abschnitt werden die hier bereits angeschnittenen Fragen konkretisiert und präzisiert.

Untersuchungsgegenstand und theoretischer Hintergrund: Körperliche Aneignungsprozesse in Medienkulturen

Die Soziologie als reflexive Disziplin mit einem analytischen Begriffssystem eignet sich in diesem Forschungsrahmen mittels ihrer theoretischen und methodischen Fundierung als evidenzbasiertes Werkzeug für die Analyse von medial geprägten Inkorporationsphänomenen, die in dieser Explorationsstudie den Untersuchungsgegenstand bilden.

 

„Die spezifische Aufgabe der Mediensoziologie ist es, angebunden an Theorien und Begriffe der allgemeinen Soziologie reflexionswissenschaftliche Beiträge zu verschiedenen medienwissenschaftlichen Problem- und Fragestellungen zu liefern.“ (Sutter 2010, 7)


Die Erläuterung des theoretischen Hintergrundes mag wohl im ersten Augenblick konträr zum explorierenden Charakter dieser Forschungsstudie und der Grundannahme einer wert- und theoriefreien Ausgangslage stehen. Ich verweise an dieser Stelle jedoch ausdrücklich darauf, dass eine solche Freiheit in jedem Forschungsprozess illusionär ist. Aus diesem Grund sind die nun folgenden Gedankenabschnitte nicht als unumstößliche Basis zu sehen, sondern als Beschreibung des wissenschaftlichen Kontextes, in dem diese Studie zustande gekommen ist. Dieses Faktum soll dem Leser dieser Schrift stets bewusst sein.

 

Die hier vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, die simpel klingende Frage „Was ist der Körper?“ in einem medienkulturellen Diskurs zu entschlüsseln. Bewegungen und bewegte Bilder gehen hier zu untersuchende Symbiosen ein. Sie zu beschreiben und zu deuten setzt mit der Erkenntnis ein, dass „Formbildung durch Körperbewegungen“ zustande kommt und dass „Bewegung als nonverbale
Kommunikation von Formentscheidungen“ zu begreifen ist (vgl. B. Schulze 2006). Die Zusammensicht von Körper und Bewegung erfährt eine Ergänzung durch die Kombination mit der Rezeption bewegter Körperbilder und den vielfältigen Imaginations- und Aneignungsprozessen, die daraufhin einsetzen können.

 

Diese bewegten und bewegenden Körperbilder sind keineswegs beliebig austauschbar, sondern in Bezug zu setzen zu der jeweiligen Sportart und dem dahinter zu erwartenden Wertesystem. Diese Feststellung unterstützt auch Schulzes Bemerkung:

 

„Der Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die unmittelbar evidente Beobachtung, dass die einzelnen Sportarten sich nicht nur hinsichtlich ihrer Bewegungen, sondern auch in Bezug auf die Wechselwirkungen mit ihrer gesellschaftlichen Umwelt erheblich
unterscheiden.“ (B. Schulze 2006, 85)

 

Hinzukommt die konträr anmutende Perspektive, aus der heraus das zu erforschende Feld beobachtet wird: Die Inkorporation von Körperimaginationen findet in subjektiv determinierten Lebenswelten, die engstens mit dem menschlichen Körper verbunden sind, statt. So weißt auch Gugutzer auf die Unmittelbarkeit des Körpers hin:

 

„Nichts ist uns so nah, wie unser eigener Körper (wodurch sich der Körper von den meisten anderen soziologischen Forschungsobjekten unterscheidet).“ (Gugutzer 2004, 12)


Den menschlichen Körper in die zwei Facetten Leib und Körper aufzuteilen und hierdurch eine analytische Differenzierungsmöglichkeit zu gewinnen, ist auch für das Fortschreiben dieser Studie mit Sinn behaftet. Der Begriff des Körpers verkörpert somit das Objekt, das von außen wahrgenommen wird, der Begriff des Leibes hingegen weist auf die Innenansicht, den lebendigen menschlichen Körper unmittelbar gekoppelt an das Erleben und Empfinden des Akteurs mit all seinen Eigenarten hin.


„Durch die Verschränkung des Leibes in den Körper wird dieser in mehrfacher Weise zum normativen Code der leiblichen Erfahrung: Zum einen wird der Leib im Sinne der Formen des Körpers gespürt, d.h. die Gestalt des Körpers, den ich habe, wird als der Leib erfahren, der ich bin. Der so hinsichtlich seiner Form bestimmte Leib ist durch die Verschränkung mit dem Körper zum anderen auf Empfindungsprogramme bezogen, die etwa festlegen, wie die Sensibilität für Berührungen beschaffen ist.“ (Lindemann 1993, 196)

 

Auch in Medienkulturen ist die „Zweiheit des Körpers als Einheit von spürbarem Leibsein und gegenständlichem Körperhaben“ (Gugutzer 2004, 152) von tragender Bedeutung, auch wenn immer wieder Stimmen laut werden, die von einer Entkörperlichung durch die neuen Medien sprechen (vgl. Meuser 2002). Der menschliche Körper ist zentraler Punkt des sozialen Miteinanders, auch wenn er in vielen technologisierten Kommunikationsprozessen außen vor zu sein scheint. Simpel ausgedrückt: Ohne meinen Körper kann ich nicht im Kino oder vor dem Computer sitzen!

Erwähnte Literatur:

  • Deutsche Gesellschaft für Soziologie, Hrsg. 2010. „Transnationale Vergesellschaftungen. Vorprogrammheft zum 35. Kongress der
    Deutschen Gesellschaft für Soziologie“.
  • Gugutzer, Robert. 2004. Soziologie des Körpers. Bielefeld: Transcript.
  • Lindemann, Gesa. 1993. Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl. Originalausg. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.
  • Meuser, Michael. 2002. „Körper und Sozialität. Zur handlungstheoretischen Fundierung einer Soziologie des Körpers“. In Körperrepräsentationen. Die Ordnung des Sozialen und der Körper.
  • Schulze, Bernd. 2006. „Körperbewegung als Formbildung. Ansätze einer systemtheoretischen Bewegungskonzeption“. In Body Turn : Perspektiven der Soziologie des Korpers und des Sports, 81–93. Bielefeld: Transcript.
  • Sutter, Tilmann. 2010. Medienanalyse und Medienkritik. Forschungsfelder einer konstruktivistischen Soziologie der Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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