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ROCKY reloaded 3: Wechselwirkungszusammenhänge von Sport und Film

Meine soziologische Explorationsstudie beschäftigt sich mit Wechselwirkungszusammenhängen von Sport und Film am konkreten Beispiel des Boxsports und des Boxfilmklassikers ROCKY. Ich beziehe Filmsequenzen aus allen sechs ROCKY-Filmen in meine Analyse ein. Zur Auswahl der Filmsequenzen nehme ich an späterer Stelle weitere Überlegungen vor.

Fokus auf die Rocky-Sportspielfilme

Im Fokus der Betrachtung steht der Einfluss dieses Bildervorrats in Bezug auf die soziale Praxis. Der eingangs bereits zitierte Marcel Mauss bildet auch zum Ende der ersten, nur einführenden Gedanken die Basis meiner interdisziplinär angelegten Forschungshandlungen, die Körpertechniken in ihren „sozio-psycho-biologischen“ (vgl. Mauss 1975b) Kontexten betrachtet:

 

„Ich sage ausdrücklich die Techniken des Körpers, weil man die Theorie von der Technik des Körpers von einer Untersuchung, einer Darstellung, einer ganz einfachen Beschreibung der Techniken des Körpers ausgehend bilden kann. Ich verstehe darunter die Weisen, in der sich die Menschen in der einen wie der anderen Gesellschaft traditionsgemäß ihres Körpers bedienen. Jedenfalls muß man vom Konkreten zum Abstrakten vorgehen und nicht umgekehrt.“ (Mauss 1975b, 199)

 

Auf die von Mauss aufgestellte Definition der Techniken des Körpers werde ich an anderer Stelle noch intensiver eingehen. Im Folgenden schließen sich nun die zentralen Fragestellungen und die Darstellung meines Forschungsziels an.

Zentrale Fragestellungen und Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit

Im Sinne der eingangs erwähnten Beobachtung Marcel Mauss stellen sich dem Gesellschaftsforscher auch heute noch sehr ähnlich Fragen: Was sehe ich hier? In welchem sozialen Kontext kommt das zustande, was ich hier sehe? Ein Fragenkarussell, dass sich wie ein Perpetuum mobile durch immer neue medienkulturelle Felder wälzt und nach Antworten sucht.


Um dem ewigen Kreislauf der Forschungsfragen zumindest für analytische Zwecke kurz zu entkommen, ist die engere Betrachtung von konkreten Aneignungs- und Kommunikationsprozessen fruchtbar, um den Phänomenen der wechselseitigen Beeinflussung von Medien- und Körperpraktiken näher zu kommen. Aneignung verstehe ich als einen sozio-psycho-biologischen Prozess, der in raumzeitlichen Klammern stattfindet.

 

In diesem Sinn bemerkt auch Schulze, dass Aneignung nicht nur bloßes Rezipieren von Medieninhalten ist, sondern ein kreativer und komplexer Prozess, der mit dem Erleben einer spezifischen Situation eng verknüpft ist:


„Was von außen kommt, wird erst durch Verarbeitung zum Erlebnis. Die Vorstellung der Aufnahme von Eindrücken muß ersetzt werden durch die Vorstellung von Assimilation, Metamorphose, gestaltender Aneignung.“ (Schulze 2000, 44)


In der Inkorporation sehe ich jedoch weitaus mehr soziales Potenzial als das bloße Verinnerlichen von kulturellen Inhalten. Die durch Filme hervorgerufenen Imaginationen werden vielmehr in der sozialen Praxis erprobt und biographisch eingebettet (vgl. Flam 2002, 140). In diesem Zusammenhang spielt die Kommunikation über das Rezipierte und Imaginierte eine entscheidende Rolle. Innere Kommunikation kann auch als eine Art sozial bedeutsamer Reflexion verstanden werden. Durch das Nachaußenkehren erhalten die Imaginationen ihre soziale, auf den Mitmenschen bezogene Relevanz. „Sozial relevantes Handeln“ als Begriffskonstrukt verstehe ich hier als ein an den Kommunikationsäußerungen des Anderen orientiertes Handeln in Bezug auf die von Max Weber getroffene Definition von „sozialem Handeln“ (Weber 2008, 3). Hierzu bemerkt Schulze:

 

„Reflexion ist der Versuch des Subjekts, seiner selbst habhaft zu werden. Durch Erinnern, Erzählen, Interpretieren, Bewerten gewinnen Ursprungserlebnisse festere Formen.“ (Schulze 2000, 45)

 

Diese Ursprungserlebnisse sind jeweils zuerst auf individueller Ebene relevant bis sie durch Kommunikation auch sozial relevant werden. Um genau diese Schnittstellen herauszukristallisieren, verwende ich folgende Forschungsfragen als reflexive Leitlinien während meiner Forschungsarbeit:

  • Dienen Sportspielfilme als Handlungsleitlinien für alltagsweltliche Kommunikationen? Falls der Film als Handlungsleitlinie dient, die jedoch kreativ in neuer Gestalt verändert wird, gilt es nach tatsächlich beobachtbaren Inkorporationen von Körperimaginationen in diversen Formen zu suchen.
  • Die Fragen „Wie sieht mein Körper aus?“ und „Wie wird mein Körper gesehen?“ sind zentral für die Bildung des eigenen Images und werden in Bezug gesetzt zur Frage „Wie sieht der Körper des Filmhelden aus?“. Findet eine alltagsrelevante Identifikation mit Filmfiguren statt?

Im Sinn einer in der sozialen Praxis verankerten Theorieentwicklung interessieren mich die subjektiven Wahrnehmungen, Werte und Entscheidungsprozesse von Akteuren in Medienkulturen:

  • Inwiefern bilden Filmfantasien und Körperimaginationen Ausgangspunkte für eine intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper?
  • Welche filmisch geprägten Körperimaginationen werden in eine expressive Körperpraxis und Körperdarstellung übertragen?
  • Welche Rolle spielt der Filmheld Rocky Balboa während der wunschgemäßen aktiven Formung und Formulierung (im kommunikativen, repräsentativen Diskurs) des individuellen Körpers?

Nochmals komprimiert ausgedrückt beschäftigt sich diese Forschungsarbeit mit folgenden fundamentalen Fragestellungen:

  • Welche Wechselwirkungen von Sport und Spielfilm lassen sich bezüglich des Sportspielfilms ROCKY beobachten
  • Welche Wirklichkeitstransformationen von Gesehenem in Gelebtes lassen sich am Beispiel des Sportspielfilms ROCKY beobachten?

Transformationsprozesse von Gesehenem und Gelebtem

Zentrales Element dieses Transformationsprozesses ist die Kommunikation über das Gesehene, die hier in besonderem Maß betrachtet werden wird. Auf unterschiedlichsten Wegen findet das Gesehene Eingang in die soziale Praxis und wird somit nicht nur für den ROCKY-Filmrezipienten, sondern auch für den Antwortgeber (beispielsweise bei der Kommunikation über ein online zur Verfügung gestelltes Trainingsvideo, das eine Filmszene adaptiert via Kommentarfunktion unterhalb des Videos) relevant und sinnhaft.

 

Alltägliche Praxis und wissenschaftliche Praxis gehen hier in ständiger kritischer Distanz zueinander enge Wechselbeziehungen ein, die Gesamtzusammenhänge erst sichtbar werden lassen. Im Mittelpunkt dieser Explorationsstudie steht daher das Verstehen einer multimedial geprägten Körperpraxis, deren Formen es in einem angemessenen, die Audiovisualität des Untersuchungsgegenstandes berücksichtigenden Diskurs zu beschreiben gilt.


Die Generierung von Thesen stellt das Ziel dieser Explorationsstudie dar. Anschlussforschungen sind durchaus denkbar und werden zum Abschluss in einem „Cineastischen Forschungsausblick“ erwähnt.

 

Weiter in ROCKY reloaded Teil 4 (ab 26.12.2018)!

Erwähnte Literatur:

  • Flam, Helena. 2002. Soziologie der Emotionen. Ein Einfuhrung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
  • Mauss, Marcel. 1975b. „Die Techniken des Körpers“. In Soziologie und Anthropologie II, hg von. Ritter, Henning Lepenies, Wolf, 197–220. Munchen: Hanser.
  • Schulze, Gerhard. 2000. Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. 8. Aufl., Studienausg. Frankfurt/Main [u.a.]: Campus-Verl.
  • Weber, Max. 2008. Wirtschaft und Gesellschaft : Grundriss der verstehenden Soziologie ; zwei Teile in einem Band. Frankfurt am Main; Affoltern a.A.: Zweitausendeins ; Buch 2000.