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ROCKY reloaded 2: Einleitung und Erkenntnisinteresse

„Eine Art Erleuchtung kam mir im Krankenhaus. Ich war krank in New York. Ich fragte mich, wo ich junge Mädchen gesehen hatte, die wie meine Krankenschwestern gingen. Ich hatte genug Zeit, darüber nachzudenken. Ich fand schließlich heraus, daß es im Kino gewesen war. Nach Frankreich zurückgekehrt, bemerkte ich vor allem in Paris die Häufigkeit dieser Gangart; die Mädchen waren Französinnen und gingen auch in dieser Weise. In der Tat begann die amerikanische Gangart durch das Kino bei uns verbreitet zu werden." (Mauss 1975a, 202)

 

Was Marcel Mauss gefesselt an das Krankenbett beobachtete, verdeutlicht, dass Kinofilme nicht wirkungslos rezipiert werden. Aneignungsprozesse und Anschlusskommunikationen unterschiedlichster Art und Weise sind die Phänomene, die die soziale und alltägliche Relevanz bewegter Bilder fortschreiben. Die „enge Verschränkung von medialen Wirklichkeiten und unseren Alltagserfahrungen“ (Mai und Winter 2006, 11) ist der Ausgangspunkt der vorliegenden Forschungsarbeit.

 

Das Potenzial der „Übertragungsdynamik“ (vgl. Assmann 2009) von Bildern findet in der Inkorporation von Körperimaginationen seinen körperlichen Niederschlag. Im sozialen Handeln werden filmisch geprägte Körpervorstellungen in den Alltag implementiert und kreativ umgesetzt. Das Fleischwerden derartiger Kinobilder beinhaltet nicht eine 1:1-Übersetzung des Gesehenen, sondern wird erst in lokalen Kontexten sozial wirksam und bedeutsam. So sind die Rezeptionen tatsächlich so unterschiedlich und divergent wie jeder einzelne Zuschauer. Gleichzeitig ist jedoch gerade im „Fall Rocky Balboa“ zu fragen, ob wir diese Figur aufgrund ihrer internationalen Präsenz auch als globale Ikone bezeichnen können. Vielfache Aneignungen, Transformationen und Zitationen des Filmklassikers Rocky zeugen von einer Globalisierungstendenz des Filmstoffes seit seiner erstmaligen Veröffentlichung im Jahr 1976. So stellen Mai und Winter fest:

"Sehr schnell wurde das Kino populär und einflussreich. Als wichtige Freizeitaktivität nahm es Einfluss darauf, wie Menschen sprechen, sich kleiden, sich inszenieren und handeln. Das Kino wurde zu einem wichtigen Medium der Enkulturation." (Mai und Winter 2006, 8)

 

Analog hierzu können wir den Boxsport betrachten und feststellen, dass auch hier kreative Übersetzungs- und Einbettungsprozesse in lokale Sozialstrukturen erfolgen, die von spezifischen Ritualdynamiken und Ritualarchitekturen geprägt sind. Körper, Kult und Kultur beschreiben auch in Zeiten neuer Medien ein Trio Infernale, das es in der Zusammenschau in Bezug auf die soziale Wirksamkeit von Sportspielfilmen zu betrachten gilt. Spielfilme und Sport sind zwei der populärsten Phänomene unserer Zeit. In nahezu allen Kulturen spielen diese beiden sozialen Wirkungsfelder eine wichtige Rolle für die Gestaltung von Alltagsaktivitäten. Beide Sphären des sozialen Lebens sind bereits jede für sich ausführlich in der Wissenschaft behandelt worden und füllen ganze Regalmeter in Bibliotheken. Doch ihre Verschränkung, quasi der vollzogene Sphärenfrevel zwischen der wissenschaftlichen Welt der Filmanalysen und der praktischen Welt des Sports finden erst in einer handvoll Publikationen ihren Niederschlag.

 

Das Sinnverstehen der Verquickung unterschiedlicher Lebenswelten muss also immer vielseitig und gleichzeitig punktgenau orientiert sein. Diese vorerst paradoxe Ausgangsperspektive trägt eben diesem Umstand Rechnung, dass sich nämlich Filmfantasien und sportliche Körperpraxis einander wechselseitig bedingen. Es gilt also zu fragen, inwiefern wir überhaupt von der „Unbeweglichkeit der Zuschauer“ und der „Beweglichkeit der Bilder“ (vgl. Fritsch 2009) ausgehen können oder ob die Formulierung der Inkorporation von Körperimaginationen basierend auf potentiell bewegenden Bildern in den Betrachtungsfokus genommen werden muss. Im Hier und Jetzt kristallisieren sich soziale Situationen, in denen kulturelles Wissen eine Form erhält. Das Verstehen dieses kulturellen Wissens setzt am subjektiven Blickwinkel der hier schreibenden Forscherin an.

 

Erwähnte Literatur:

  • Assmann, Aleida. 2009. Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. 4., durchgesehene Aufl. München: Beck.
  • Fritsch, Daniel. 2009. Georg Simmel im Kino. Die Soziologie des frühen Films und das Abenteuer der Moderne. 1., Aufl. Bielefeld: transcript.
  • Mai, Manfred, und Rainer Winter. 2006. „Kino, Gesellschaft und soziale Wirklichkeit. Zum Verhältnis von Soziologie und Film“. In Das Kino der Gesellschaft - die Gesellschaft des Kinos. Interdisziplinäre Positionen, Analysen und Zugänge, 7–23. Köln: Von Halem.
  • Mauss, Marcel. 1975a. Soziologie und Anthropologie II. Hg von. Ritter, Henning Lepenies, Wolf. Munchen: Hanser.